Rezensionen zu weiteren Themen

von Lisa Tomaschek-Habrina

 

Carmen Kindl-Beilfuß
Fragen können wie Küsse schmecken
Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene
Heidelberg: Carl Auer 2015, 6. Auflage

 

Fragen sind Schlüssel, bringen Bewegung, können verstören, bringen auch Klarheit.

Kindl-Beilfuß geht der Frage nach, wie man schöne Fragen konstruieren kann. Dabei sollte ein konstruktives Interview mehrere Aufgaben erfüllen: Verflüssigen von Eigenschaften, umdeuten und gute Begriffe finden und Fragen bilden. Dabei geht Kindl-Beilfuß unterschiedliche Anwendungsfelder durch. Zunächst teilt sie uns 10 Fragen mit, die immer gehen. Dann führt sie uns vom biographischen Interview von Erwachsenen zu Kindern und Jugendlichen, zum Paar- und Familieninterview bis hin zur Fragebox, wo sie 111 Fragen vorstellt. 

Für Systemiker als auch Nicht-Systemiker finden wir hier als Coach, Berater und Coach eine feine Zusammenstellung, die man immer wieder als Anregung hernehmen kann im weiten Land der Fragen. 


 

Carmen Kindl-Beilfuß
Einladung ins Wunderland
Systemische Feedback- und Interventionstechniken
Heidelberg: Carl Auer 2012

 

Kindl-Beilfuß bewegt die Frage: „Wie kann man Ergebnisse guter Gespräche in Beratung, Coaching und Therapie haltbarer machen? Wie kann man dafür sorgen, dass Menschen von ihren eigenen Ideen beflügelt den Raum verlassen, dass sie wie Alice im Wunderland ihr eigenes Wunderland betreten können? Mit Neugier, Kreativität, Respekt und Charme ist eine guter Anfang gemacht. Doch von allein entfalten sich diese Gaben nicht. Es gilt das Motto: Use it or lose ist! 

Kindl-Beilfuß stellt hier ihren sehr großen Schatz an systemischen, lösungsorientierten Interventionen vor, die sicherlich nicht für jedermann und jedefrau umsetzbar oder brauchbar sind.

Sie ermutigt jedoch auch eigene Interventionen zu entwickeln, die aus der Praxis heraus oft einfach entstehen, und im Sinne des “Wenn was funktioniert – mach mehr davon“ immer wieder im Prozess integriert werden können. 


 

Stefan Hammel
Therapie zwischen den Zeilen
Das ungesagte Gesagte in Psychotherapie, Beratung und Heilkunde
Stuttgart: Klett Cotta 2014

 

Das Buch soll dazu beitragen, auf vielen Ebenen die Wahrnehmungen für die Implikationen dessen, was Klienten und Therapeuten ausdrücken, zu schärfen.  Das Nur-Angedeutete und das Unausgesprochene, soll deutlich wahrnehmbar werden, dass sie nach Ansicht Hammels Gespräche v.a. zwischen den Zeilen des ausdrücklich Gesagten abspielt.

Wie lernt man therapeutische Mehrebenen-Kommunikation? Wie das Autofahren oder Tanzen – indem man es tut, wiederholt und alle Sinne dazu nutzen muss. Wir lernen es, indem wir Prozesse, die dabei stattfinden, für Augenblicke ins Bewusstsein rufen. Das unwillkürliche Denken kann nun das Gehörte neu verstehen und ist vielschichtiger als unser bewusstes Denken.

Hypnotherapeutisch bringen wir den Begriff der Dissoziation ein, der Entkoppelung oder Entknüpfung im nonpathologischen Sinn. Viel kann man lernen, wenn man KlientInnen zu Beginn der Arbeit die einfache Frage stellt: „Wie ist denn Ihre Meinung, woher das Problem kommt? Angenommen das Symptom wollte Sie vor etwas schützen, was wäre dann seine Funktion?“ Hammel führt uns durch eine faszinierenden Welt der beraterischen und therapeutischen Begegnung. Ein philosophisches Werk der Selbstreflexion im therapeutischen Arbeiten liegt vor. Je länger Hammel Menschen beobachtet, desto unausweichlicher scheint ihm der Schluss, dass jedes kleinste Wort und jede noch so unscheinbare Geste zählt.  Einige der dargestellten Zusammenhänge werden manchem Leser vielleicht nicht schlüssig sein. Was bewirken eine Wort, eine Satzstruktur, eine Metapher, eine Geste, eine Veränderung der Stimme beim Klienten? Belege dafür lassen sich nur im unmittelbaren Gespräch finden. 

Hervorragende Lektüre für Professionisten!


Helga Krüger, Marita Metz-Becker, Ingrid Rieken
Mutterbilder
Kulturhistorische, sozialpolitische und psychoanalytische Perspektiven
Psychosozial Verlag 2015

 

Im Buch Mutterbilder von Krüger-Kirn, Metz-Becker und Rieken werden das Mutterbild aus kulturhistorischer, sozialpolitischer und psychoanalytischer Perspektive durchleuchtet. Diese Publikation geht aus dem Marburger Symposium „Mutterbilder. Formen, Fakten, Visionen“ hervor.


Im kulturhistorischen Abschnitt beschäftigt sich Frau Metz-Becker mit dem Mythos Mutterschaft und Kindsmord im 19. Jahrhundert. Die sozialpolitische Perspektive des Buches befasst sich mit einer politikwissenschaftlichen Perspektive auf Mutterschaft, Armut, Familien(-leit)bilder und Geschlechterrollen. Der vorletzte Abschnitt betrachtet Mutterschaft aus psychoanalytischer Perspektive im Zusammenspiel mit Identität und Elternschaft. Besonders interessant ist dabei ein Beitrag über das Erleben von Müttern, die Vollzeit arbeiten gehen und deren Männer zuhause als Kinderbetreuer bleiben. Die emotionalen Gewinne und Kränkungen dieser Mütter werden dabei eindrucksvoll umschrieben.


Das Herausgeberwerk von Krüger-Kirn, Metz-Becker und Rieken zeichnet sich durch eine sehr wissenschaftliche und präzise Sprache aus, die auch nicht davor zurückschreckt feministische oder gesellschaftskritische Töne anzustimmen. Das Bild von Mutterschaft verändert sich wie die Wissenschaft der Psychoanalyse kontinuierlich und spiegelt gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wider.        


 

Gerald Hüther
Etwas mehr Hirn, bitte
Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2015

 

Hüther beschreibt hier, dass unser Gehirn sein Potential in Netzwerken mit anderen entfalten kann. Gemeinsam verfügen wir über deutlich mehr Hirn als allein – so lässt sie der Titel programmatisch verstehen.

Das Buch gliedert sich in 3 Teile. Der erste Teil befasst sich mit der Frage, wo unsere Erkenntnis und die daraus abgeleiteten Vorstellungen eigentlich herkommen. Der zweite Teil mit dem, was uns so werden lassen oder gar zu dem gemacht hat, was wir sind. Und im dritten Teil leitet Hüther aus den vorangegangenen Erkenntnissen ab, dass es auch anders geht. Wir können anders miteinander umgehen. Statt uns gegenseitig zu Objekten unserer Bewertungen, Absichten und Maßnahmen zu machen, könnten wir einander auch einladen, ermutigen und inspirieren, unsere Lust am eigenen Denken und unsere Freude am gemeinsamen Gestalten wiederzuentdecken. Nur so kann es, der Ansicht Hüthers gelingen, die in jedem Einzelnen und in jeder menschlichen Gemeinschaft angelegten Potentiale zur Entfaltung zu bringen.

Hüther versteht es neurobiologische Prozesse verständlich mit handlungsleitenden Anregungen zu verknüpfen, die alltagstauglich sind. 


 

Michael B. Buchholz (Hrsg.)
Die Macht der Metapher in Psyche und Kultur
Interdisziplinäre Perspektiven
Gießen: Psychosozial Verlag 2015

 

Unsere gesamte Kommunikation ist durchzogen von Sprachbildern. Das Buch zeigt auf, wie Probleme oft nur mithilfe von Sprachbildern zum Ausdruck kommen, wie sie bewusstes und unbewusstes Erleben organisieren und in der Psychotherapie neue Wege des Verständnisses erschließen können. Die moderne Metapherntheorie kann auch nicht auf soziale und neuronale Grundlegung verzichten. „Neurons that fire together wire together“ Verschiedene Typen neuronaler Kreisläufe entstehen und bilden höhere Level der Informationsverarbeitung und die Ausbildung von konzeptuellen Metaphern wird als Teil des kognitiven Unbewussten gesehen.

Die moderne Theorie der Methapher, wie sie skizzenhaft in Buchholz Buch wiedergegeben wird, eignet sich gut für die Untersuchung von therapeutischen Dialogen. Da mithilfe von Metaphern nur einzelne Aspekte (Lakoff & Johnson 2007) eines Zusammenhangs ins Blickfeld geholt werden, erzeugen sie im Moment ihrer Anwendung Sinn und reduzieren dadurch Komplexität, dadurch werden sie der Komplexität jedoch nie ganz gerecht, da sie im hohen Maß perspektivisch sind. Eine Bedingung für erfolgreiches Handeln im Alltag scheint die zu sein, dass man permanent mit Metaphern jongliert. Metaphern helfen auch, Gefühle zu konzeptualisieren und zu regulieren, und sie bilden eine Möglichkeit, den anderen sinnhaft zu verstehen. Wir kochen vor Wut oder sind niedergeschlagen.

Mentale Zustände werden mithilfe von sensomotorischen Erfahrungen mentalisiert. Mentalisierungen bezeichnet also die Fähigkeit des Menschen sich mentale Zustände im eigenen Selbst und in anderen vorzustellen, eigene mentale Zustände zu regulieren und Verhalten sinnhaft erklären zu können. (Fonagy et al 2002). All dies hat die Funktion, die Realität zu verarbeiten und zu bewältigen, indem sie eine psychologische Distanzierung ermöglicht. Patienten Metaphern für sein Empfinden anzubieten, oder Metaphern, die der Klient verwendet aufzugreifen und weiterzutreiben, kann als Bestandteil kontigenter und markierter Affektspiegelung betrachtet werden. Psychotherapie hat die Aufgabe bei der Konzeptualisierung mentaler Zustände behilflich zu sein. Metaphern sind eine Mittel, psychotherapeutisch zu intervenieren und sie können dadurch den Aufbau sekundärer Affektrepräsentanzen anstoßen.

Hilfreich für PraktikerInnen.  


 

Anthony W. Bateman / Peter Fonagy (Hrsg.)
Handbuch Mentalisieren
Gießen: Psychosozial Verlag 2015

 

Mentale Zustände werden mithilfe von sensomotorischen Erfahrungen mentalisiert. Mentalisierunge bezeichnet also die Fähigkeit des Menschen sich mentale Zustände im eigenen Selbst und in anderen vorzustellen, eigene mentale Zustände zu regulieren und Verhalten sinnhaft erklären zu können (Fonagy et al 2002). All dies hat die Funktion, die Realität zu verarbeiten und zu bewältigen, indem sie eine psychologische Distanzierung ermöglicht.

Im Unterschied zu anderen integrativen Methoden, etwa der interpersonalen Psychotherapie, umspannt der theoretische Bezugsrahmen der MBT (mentalisierungsbasierte Therapie) ein entwicklungspsychologisches Modell, eine Theorie der Psychopathologie und eine Hypothese über den Mechanismus der therapeutischen Wirkung.

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im Ersten Teil werden sowohl die Techniken, die in je spezifischen therapeutischen Settings – Einzel-, Gruppen- und Familientherapie zur Anwendung kommen beleuchtet, als auch Mentalisieren in ambulanten, teilstätionären und stationären Einrichtungen. Im zweiten Teil beziehen die Autoren die Perspektive der Patienten. Verschiedene Patientengruppen (Essstörungen, Depression, Sucht, Trauma etc.) werden beleuchtet und Techniken erläutert, die ungeachtet des äußeren Rahmens, in dem die Therapie stattfindet, effektiv sind.

Äußerst lesenswert und praxisrelevant!! 


 

Hanne Seemann
Freundschaft mit dem eigenen Körper schließen
Über den Umgang mit psychosomatischen Schmerzen
Stuttgart: Klett-Cotta 2014, 9. Auflage

 

Anhand von PatientInnengeschichten versucht die Autorin psychologische und ärztliche SchmerztherapeutInnen über den Bereich des psychosomatischen Schmerzes hinaus, Perspektiven für den Umgang mit SchmerzklientInnen zu geben. Sie beschreibt u.a.Anspannungssyndrom, chronische Erschöpfungssyndrome und Körpergedächtnissymptome.

Der Titel des Buches enthält die Aufforderung an die Betroffenen: „Schließ Freundschaft mit deinem Körper!“, und damit die Implikation, dass die beiden nicht gut miteinander auskommen. Der Zugang zu den psychosomatischen Störungen wird in diesem Buch mit dem Schwerpunkt auf Kommunikation und Beziehungsbildung konzipiert, die auch auf soziale Beziehungen übertragen werden kann und das verwendete Konzept für die KlientInnen leicht fassbar macht. So als wären wir zwei: Mein Körper und Ich. Und dennoch ist es oft so, dass wir gegeneinander arbeiten, uns nicht vertragen und uns oft gar nicht miteinander verständigen können. Dem Klient leuchtet es oft ein, dass der Körper mit dem Schmerz oder einem Symptom gegen etwas protestiert, aber wir wissen oft nicht, worum es sich zunächst handelt.

Die Sprache des Körpers verstehen lernen, versucht die Autorin Seemann in 9 Kapiteln anhand von anschaulichen Falldarstellungen zu beschreiben. 


 

Andrea Brackmann
Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?
Die seelischen und sozialen Aspekte der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen
Stuttgart: Klett-Cotta 2015

 

Chancen und Probleme in sozialen Beziehungen und seelische Schwierigkeiten, die bei hochbegabten Kindern und Erwachsenen auftreten werden, beschreibt Brackmann, indem sie Auswege aus der krisenhaften Erfahrung des „Andersseins“ aufzeigt. Gerade auch betroffene Erwachsenen werden hier Antworten auf ihre jeweilige Lebenssituation erhalten.

Anhand zahlreicher Fallbeispiel gewinnt die Leserin Einblick in typische Erscheinungsformen des Phänomens Hochbegabung v.a. auch des emotionalen Erlebens, der Sinneswahrnehmung, der sozialen Beziehungen und der Bewältigung des Alltags. Ein weiterer Schwerpunkt des Buches bildet das therapeutische Vorgehen bei Hochbegabten mit seelischen Störungen.

Therapeuten erhalten Hinweise und Anregungen für Diagnostik, Therapie und Beziehungsgestaltung. Fragen wie: Welche Rolle die Hochbegabung eines Klienten im therapeutischen Prozess spielt, welchen Einfluss das Erkennen der Hochbegabung auf die Heilung einer Störung ausübt und ob es Störungsbilder gibt, die ohne die Kenntnis der Hochbegabung verbundenen Besonderheiten nicht adäquat behandelt werden können. Sehr empfehlenswert. 


 

Manfred Prior
MiniMax-Interventionen
15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung
Heidelberg: Carl Auer 2015, 12. Aufl.

 

Ein unterhaltsames kurzweiliges Buch für PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen, PädagogInnen und BeraterInnen.

Es bietet Grundlagen zur effizienten Kommunikation und menschlichen Begegnungen. Auf sehr wenigen Seiten wird von Prior – einem renommierten Hypnose-Lehrer – viel brauchbarer Inhalt geliefert. Von der VW-Regel - Vorwurf-Wunsch über „Nicht-Vorschläge“ oder „Das Problem ist vergleichbar mit ...“ ist vielen systemischen FamilientherapeutInnen bekannt.

Prior versteht es kurz und prägnant in Fallvignetten darzustellen. Dieses Büchlein liest sich abends bei einer Tasse Tee - sehr erfrischend!


 

Marie Boden / Doris Feldt
Krisen bewältigen, Stabilität erhalten, Veränderung ermöglichen
Ein Handbuch zur Gruppenmoderation und zur Selbsthilfe
Köln: Psychiatrie Verlag 2015, 5. Aufl.

 

Das Konzept bezieht seine Grundlagen aus der dialektisch-behavioralen Therapie und ist stark ressourcenorientiert angelegt und wurde erweitert um Imaginations-, Entspannungsübungen und Elemente der Euthymen Therapie (Genusstherapie).

Das Handbuch vermittelt Stabilisierungstechniken und gibt Anregungen zur Krisenbewältigung. Das Manual kann über den klinischen Kontext hinaus eingesetzt werden und bietet darüberhinaus einen Fundus an praktischen, schulenübergreifenden Hilfen.


 

Larissa Wolkenstein / Martin Hautzinger
Umgang mit bipolaren Patienten
Köln: Psychiatrie Verlag 2014

 

Bipolare PatientInnen führen ein Leben auf der Achterbahn, Hochs und Tiefs. Sie sind dennoch häufig mit einem hohen Maß an Witz, Charme und Kreativität ausgestattet. Die therapeutische Arbeit ist sehr bewegend und vielfältig und erfordert ein hohes Maß an Geduld. Eine Kombinationstherapie von Medikation und Psychotherapie ist State of the Art.

Wolkenstein und Hautzinger beschreiben ihre langjährigen Erfahrung sehr eindrücklich in dem kleinen handlichen Büchlein der Serie Basiswissen des Psychiatrieverlags und skizzieren Behandlungsprinzipien.


 

Rainer Sachse
Zum Umgang mit schwierigen Klienten
Miteinander umgehen lernen
Köln: Psychiatrie Verlag 2014, 10. Aufl.

 

Sachse versucht den Lesern ein tieferes Verständnis persönlichkeitsgestörter KlientenInnen nahezubringen und elementare Strategien zum Umgang mit ihnen zu erläutern. Er erläutert Besonderheiten der einzelnen Persönlichkeitsstörungen, die Beratung der Angehörigen und therapeutische Möglichkeiten im Einzel-, Gruppen- sowie Teamsetting. Wie wichtig es ist bei dieser Klientel am gleichen Strang in einem Team zu ziehen, um Spaltungen zu verhindern.

Guter Überblick und praxisnahe.


 

Robin Haring
Der überforderte Patient
Gesund bleiben im Zeitalter der Hightech-Medizin
München: Beck 2014

 

Das Gesundheitssystem wurde zum Gesundheitsmarkt. Macht uns Hightech-Medizin wirklich gesünder oder zunehmend orientierungsloser? Haring meint, dagegen hilft nur ein informierter Patient.

Es ist immer schwerer als gesund zu gelten. Bei den Unmengen an Datenströmen, die täglich von uns angehäuft werden, erwartet man sich Antworten und aufschlussreiche Muster und Häufigkeiten, jedoch keine Erklärungen und Ursachen. Im digitalen Ölrausch werden die klassischen Prinzipien der medizinischen Forschung – Hypothese, Modell und Experiment – komplett auf den Kopf gestellt. Die Devise lautet: erst die Datenmaschinen, dann der Kontext. Das gute alte Experiment wird zum Auslaufmodell erklärt. Auf die Daten folgt die Hypothese. Trotz der faszinierenden Möglichkeiten der Big Data getriebenen Mustererkennung sollten wir also gewarnt sein, die gute alte Hypothese nicht vorschnell abzuschreiben; denn Wissenschaft ohne Erklärung ist auch nur Briefmarkensammeln, so Haring.


 

Hans Menning
Das psychische Immunsystem
Schutzschild der Seele
Göttingen: Hogrefe 2014

 

So wie es ein somatisches Immunsystem gibt, gibt es auch ein psychisches, das meist implizit arbeitet. Aus welchen Komponenten besteht es? Aus: Resilienz, Resistenz, Ressourcen und Reifung.

Menning zeigt, welche Antiviren man für die Seele aufbauen kann. "Sei einfach", "Sei achtsam", "Glaube an dich", "Erfinde dich neu", "Denke um die Ecke", "Sei optimistisch", "Just do it", "Bleibe in Bewegung" und noch einige andere Zutaten beschreibt Menning auf einfache Weise. Was sind Psychotoxine, psychische Immunprotektion und Immunintelligenz?

Sicherlich nicht das letzte Buch dieser Art, dass wir in Zukunft zu lesen bekommen werden, aber ein guter Anfang!


 

Norman Schmid
Nicht immer denken
Die Kraft von Achtsamkeit, Stille und Konzentration
Wien: Facultas Maudrich 2014

 

Achtsamkeitsmeditation, kognitive Umstrukturierung negativer Gedankenmuster, Neurofeedback all dies wird einfach und verständlich, praxisnahe erläutert. Übungen für den Alltag der Achtsamkeit werden von Schmid brauchbar beschrieben.


 

BApK / Familienselbsthilfe (Hrsg.)
Mit psychischer Krankheit in der Familie leben
Rat und Hilfe für Angehörige
Köln: Balance Ratgeber 2014

 

In diesem Buch finden Angehörige Unterstützung: Erfahrungen anderer entlasten und zeigen, wie man mit belastenden Situationen umgehen kann.

Der Ratgeber informiert über die häufigsten psychischen Erkrankungen und ihre Behandlung. Mit einem umfangreichen Verzeichnis auch für Österreich für Hilfesuchende, bietet dieses Buch auch aktive Hilfe zur Selbsthilfe.


 

Bernhard Trenkle
Dazu fällt mir eine Geschichte ein
Direkt-indirekte Botschaften für Therapie, Beratung und über den Gartenzaun
Heidelberg: Carl Auer 2014

 

Geschichten erzählt man zu allen möglichen Zwecken. Man erzählt sie, um Kinder zu beruhigen, etwas zu erklären, um für Orientierung zu sorgen. Trenkle erzählt Geschichten, um seinen PatientInnen Wege aus der Sackgasse zu weisen. Seeding ist diese Erickson'sche Technik, die KlientInnen auf Veränderung vorbereiten soll. Schon kleine Anekdoten können wichtige Suchprozesse bei der Problemlösung initiieren.

Doch welche Geschichte für welchen Klienten nehmen? Dieses Buch gibt auf eindrückliche Weise Antworten darauf. Ein feiner Fundus eines erfahrenen Therapeuten eingebettet in kleine Fallvignetten. Nebst Schatzkiste für Experten auch unterhaltsam.


 

Maria Ammon, Egon Fabian (Hrsg.)
Selbstfindung und Sozialisation
Psychotherapeutische Überlegungen zur Identität
Gießen: Psychosozial Verlag 2014

 

Dieses Buch erfüllt eine wichtige Funktion als Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten durch eine dynamische und gruppenbedingte Auffassung von Identität im Gegensatz zu bisherigen historischen und soziokulturellen Betrachtungen.

Hier können Beiträge gefunden werden: zur Identität als interpersonelles Konstrukt, Heimat und Identität, Identität und Zugehörigkeit im Migrationsprozess oder Volker Tschuschkes Beitrag zur sozialen Identitätsbildung als Folge missglückter, sehr frühen interpersonellen Traumatisierungen und Leidenserlebnissen. Er hebt vor allen die Gruppenzugehörigkeit als sehr bedeutsam hervor. Auch hervorzuheben Fabians Beitrag zur Bedeutung der Identifikation für die Identitätsbildung.

Prädikat wertvoll.


 

Rolf H. Adler
Von der Biomedizin zur biopsychosozialen Medizin
Stuttgart: Schattauer 2014

 

Das biomedizinische Modell hat zur modernen Medizin geführt, zu erstaunlichen Fortschritten und Errungenschaften, aber damit auch zu einer dualistischen Spaltung in „eine Medizin für Körper ohne Seelen und eine für Seelen ohne Körper“ – so schreibt Rolf H. Adler. Dieses Konzept wird jedoch dem Menschen nicht gerecht. Das biopsychosoziale Modell hingegen integriert biologische, psychische und soziale Gegebenheiten eines Menschen, da der Mensch ein lebender Organismus ist, der ständig in Veränderung und Anpassung auf eben oben genannten Ebenen steht. Für das Verständnis von Krankheitsentstehung und Krankheitsverlauf muss das Somatische aber immer auch im Zusammenspiel mit psychischen und sozialen Faktoren betrachtet werden.

Der schweizer Psychosomatiker Rolf H. Adler beschreibt diesen Zugang auf eine sehr persönliche, autobiographische Art und Weise, wie er v.a. bereits in der Anamnese, die er als „Königsweg zum Patienten“ beschreibt, darauf eingeht.


 

Erickson, Milton H. / Rossi, Ernest L.
Hypnotherapie
Aufbau – Beispiele – Forschungen
Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken
Stuttgart: Klett-Cotta 2013, 11. Aufl.

 

In diesem Buch werden die wichtigsten Hypnosetechniken dargestellt und diskutiert: Indirekte Suggestion, Trance-Induktion, hypnotische Schmerzlinderung und Symptombehandlung.

Zahlreiche Fallbeispiele Ericksons, praktische Übungen und eine Fülle von Anregungen für Beratung und Therapie bietet dieses Werk für Profis und angehende ExpertInnen. Ein Fundus!!


 

Hans-Geert Metzger
Fragmentierte Vaterschaften
Über die Liebe und die Aggression des Vaters
Frankfurt. Brandes & Apsel 2013

 

Die Trennung vom Vater in den ersten Lebensjahren gehört mittlerweile zum Alltag vieler Kinder. Ihre Bedeutung wird von den Eltern oft heruntergespielt. An die Stelle der Verantwortlichkeit tritt oftmals der narzisstisch bestimmte Wunsch nach dem Ausleben eigener Bedürfnisse – auch auf Kosten der nächsten Generation.

Im Buch wird aus psychoanalytischer Sicht anhand von Trennungsprozessen, unbearbeiteten Idealisierungen und narzisstischem Missbrauch aufgezeigt, wie aufgrund der Abwehr der Vaterschaft und der Überbetonung eigener Wünsche unbewusst oft destruktive Aggressivität enthalten ist, die sich gegen die in der Vaterschaft eingegangene Bindung richtet.

Vaterschaft stellt einen wesentlichen Teil männlicher Identität dar. Deshalb prägt die Krise der Männer auch die Gestaltung der Vaterschaft. Die Auflösung des Patriarchats hat nicht zu einem neuen väterlichen Leitbild geführt, sondern zu Fragmenten von Vaterschaften.


 

Michael White / David Epston
Die Zähmung der Monster
Der narrative Ansatz in der Familientherapie
Wien: Carl Auer 2013, 7. Aufl.

 

Das Standardwerk von Michael White und David Epston über die Externalisierung und narrativen Methoden in der Familientherapie, zeigt uns unverblümt wie sich unser Leben in Erzählungen und Geschichten gestaltet.

Die Bedeutung und Nutzung von schriftlichem Material, insbesondere von Briefen im therapeutischen Prozess wird v.a. im zweiten Teil eindrucksvoll durch Fallbeispiele belegt. Hier finden wir selbstverfasste Diplome für Spezialwissen, Unabhängigkeitserklärungen von Problemen, Urkunden zur Befreiung von Schuld oder Beherrschung von Wutausbrüchen sowie Diplome zur Angstbändigung.

Beeindruckend sind v.a. die Briefe, die Epstein und White immer wieder nach Sitzungen ihren KlientInnen nachsenden. Sie betrachten die Analogie der Therapie als einen Prozess, in dem der Betroffene sein Leben und seine Erfahrungen „erzählt“ und/oder „neu erzählt“. Die Briefe, Zertifikate und andere schriftliche Dokumente tragen auf sehr konkrete Weise dazu bei, zugleich neue, möglicherweise befreiende Erzählungen zu verfassen.

Die Methode der Externalisierung von Problemen durch deren Personifizierung, damit man mit „ihr“ – z.B. der Magersucht ins Gespräch kommen kann, ist eine hilfreiche Methode, eine Beziehung zu seinem Problem herzustellen. Nicht nur das Problem hat Einfluss auf das Leben des Menschen, sondern auch der Mensch hat Einfluss auf das Leben des Problems, in diesem Fall – Einfluss auf die Magersucht. Viele Betroffene erleben sich hilflos, ohnmächtig, die Magersucht überkommt sie. Durch die Externalisierung können sie eine Beziehung, einen inneren Dialog zu ihrem Problem entwickeln, wo sie wieder Gestaltungsmöglichkeiten ihres eigenen Lebens erhalten. Nicht es gestaltet sie, sie gestalten selbst.


 

Beaulieu Danie
Impact-Techniken für die Psychotherapie
Heidelberg: Carl Auer 2013, 6. Aufl.

 

Der Mensch lernt am besten unter Einsatz all seiner Sinne, nicht nur der Ohren, dem bevorzugten Kanal in der Psychotherapie. Glücklicherweise gibt es noch andere, oft wirksamere Kanäle, über die ein Mensch erreicht werden kann. 60% der Informationen, die ins Gehirn gelangen, werden z.B über die Augen vermittelt. Wenn man nicht nur die verbalen Zentren des Gehirns anspricht, sondern auch die kinästhetischen, die visuellen und akustischen, erhöht sich die Wirksamkeit. Erwachsene wie Kinder nehmen Botschaften, die sich als konkrete Übungen darstellen, viel interessierter auf. Sie haben Spaß und sind umso aufmerksamer, weil sie implizit eine Fülle kognitiver, emotionaler, visueller oder kinästhetischer Reaktionen auslösen, ohne dass der Klient es bemerkt. Dies macht sich der Impact – Therapeut zu nutze. Milton H. Erickson griff dieses Prinzip immer wieder auf, er verwendete Gegenstände des Alltags, um psychische Prozesse klar zu machen.

Danie Beaulieu, eine kanadische Psychotherapeutin beschreibt in diesem Buch sehr brauchbare Methoden, um im psychotherapeutischen Alltag Emotionen, Muster und Prozesse mit einfachen Mitteln auf eine multimediale Ebene sichtbar zu machen. Eine Klientin schildet: „Ich wurde missbraucht. Alle treten auf mir herum. Ich bin nichts wert.“ Die Therapeutin holt einen 20 Euro Schein aus der Geldbörse und fragt: „Was ist der Wert dieser Banknote?“ Die Klientin nennt irritiert den Wert des Geldscheins. Die Therapeutin zerknüllt den Schein, wirft ihn auf den Boden, tritt auf ihm herum, hebt ihn wieder auf und entfaltet ihn mit der Frage: “Was ist der Wert dieses Geldscheines?“

Ein sehr brauchbares und lesenswertes Buch!


 

Dagmar Kumbier
Das Innere Team in der Psychotherapie
Methoden und Praxisbuch
Stuttgart: Klett-Cotta 2013

 

Viele therapeutische Ansätze arbeiten mit unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen. Die Art wie diese innerpsychische Vielstimmigkeit verstanden und wie damit gearbeitet wird, unterscheidet sich jedoch beträchtlich. Kumbier fühlt sich Schulz von Thun verpflichtet zeigt jedoch auch Möglichkeiten des psychodramatischen, gestalttherapeutisch und systemischen Arbeitens mit dem inneren Team. Ihr Bezugsrahmen ist im Wesentliche der einer ambulanten Praxis mit KlientInnen mit Depressionen, Angststörungen, Somatisierungsstörungen, Traumafolgeerkrankungen u.a.

Wie der Mensch in seinem inneren Orchester wieder Regie führen lernen kann, zeigt die Autorin anhand von praxisnahen Fallbeispielen, die sehr eindrücklich vermitteln, wie hilfreich die Arbeit mit dem inneren Team sein kann. Es kann schwierige und komplexe Themen auf einen leicht zu verstehenden Nenner bringen und die Methoden wirken spielerisch. Dabei kann jedoch aus dem Blick geraten, dass dies hoch potente therapeutische Instrumente sind, die schnell in eine große Tiefe führen, die dann auch bewältigt werden will.


 

Manfred Thielen (Hrsg.)
Körper-Gruppe-Gesellschaft
Gießen: Psychosozial Verlag 2013

 

Dieser Sammelband des Kongresses 2011 der DGK zum Thema „Körper-Gruppe-Gesellschaft“ bildet die Grundlage zur Entwicklung der Körperpsychotherapie seit der Wiedervereinigung 1989.

Eberweins Beitrag von der Kombination von Körperpsychotherapie und Hypnotherapie sind ebenso enthalten wie Vogts Vorgehensweise bei komplex traumatisierten PatientInnen entgegen der landläufigen Meinung mit dieser Patientengruppe keine Gruppentherapie machen zu können. Aus bioenergetischer Sicht schildern Heinrich-Clauer und Oelmann ihre gruppentherapeutische Arbeit und Hayne gibt einen interessanten historischen Überblick über die Entwicklung der Gruppentherapie in Deutschland.

Neben dem Gruppenthema sind weitere Schwerpunkte des Buches Körperpsychotherapie im Kontext gesellschaftlichen Wandels und Zeitgeistes, neue Entwicklungen körperorientierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sowie wissenschaftliche Anerkennung und Perspektiven der Körperpsychotherapie.

Zum Thema Essstörungen sind die Beiträge von Angela von Arnim „Körperbildskulpturtest“ und Helga Krüger-Kirn „Zum Verhältnis von Körperinszenierungen und weiblicher Körperlichkeit“ mit einem Fallbeispiel einer bulimischen Klientin hervorzuheben.


 

Jens L. Tiedemann
Scham
Gießen: Psychosozial Verlag 2013

 

So intim und subjektiv Schamgefühle sind – sie äußern sich immer interaktionell und intersubjektiv. Die Scham ist sozial und relational.

Für den Psychotherapeuten bedeute dies in besonderem Maße, sich mit der ansteckenden Natur der Scham konfrontiert zu sehen. Die Scham des Patienten zwingt den Therapeuten zudem, sich mit seinen eigenen Gefühlen des Versagens, der Minderwertigkeit und der Inkompetenz zu konfrontieren.

In der vorliegenden Einführung werden die zentralen psychoanalytischen Schamkonzepte skizziert und hinsichtlich ihrer klinischen Dimension vorgestellt. Zahlreiche Beispiele verdeutlichen die Relevanz von Schamaffekten und -konflikten in der therapeutischen Behandlung.


 

Alan Fogel
Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie
Vom Körpergefühl zur Kognition
Stuttgart: Schattauer 2013

 

Verkörperte Selbstwahrnehmung wird über neuromotorische und neurohormonale Bahnen vermittelt, die zwischen dem Gehirn und dem Rest des Körpers verlaufen. Werden diese Bahnen aufgrund von körperlicher Verletzung, psychischem Stress oder durch ein Trauma gestört, verlieren wir die Fähigkeit, unsere körperlichen Grundfunktionen zu überwachen und zu regulieren.

Es gibt vielfältige Methoden, die der Verbesserung einer beeinträchtigten verkörperten Selbstwahrnehmung dienen. In diesem Buch wird sowohl das Erleben wie auch der Verlust von verkörperten Selbstwahrnehmung geschildert.

Fogels Buch gelingt es, unsere unscharfe, instinktive Kenntnis über den Körper und die Selbstwahrnehmung in verständliches Wissen und anwendbare Optionen für das therapeutische Handeln zu übersetzen. Dabei verbindet er verschiedene Methoden der Körperwahrnehmung, Meditation und bildende Künste mit der somatischen Psychotherapie und verschiedenen komplementärmedizinischen Verfahren. Zahlreiche Beispiel illustrieren Fogels fruchtbaren Ansatz.

Das Angenehme an dieser Ausgabe ist, dass man keine wissenschaftliche Vorkenntnisse benötigt, um vom fachlichen Stoff des Buches zu profitieren. Sehr lesenswert.


 

Filip Caby / Andrea Caby
Die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste Teil 2
Weitere systemisch-lösungsorientierten Interventionen für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen oder Familien
Dortmund: Borgmann 2013, 2. Aufl.

 

In ihrem zweiten Buch eignen sich die vorgestellten Methoden primär für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen, haben sich jedoch auch für den Einsatz im Erwachsenenalter bewährt.

Wieder sehr übersichtlich gegliedert (Idee, Methode, Tipp, Indikation/Kontraindikation/Setting) werden systemische Interventionen geschildert, im weiteren Teil auch zu spezifischen Anliegen und Störungen. Kapitel zu Metaphern, Resssourcenarbeit, dem inneren Team, Stuhlarbeit, werden wieder sehr praxisbezogen kurz und bündig beschrieben.


 

Wolfram Dorrmann
Suizid
Therapeutische Interventionen bei Selbsttötungsabsichten
Stuttgart: Klett-Cotta 2012

 

Suizid ist keine Krankheit, sondern eine Möglichkeit menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Das Buch ist praxisnahe und theoretisch untermauert.

Dorrmann gibt verständliche Anleitungen für Interventionen für günstiges Verhalten in Risikosituationen, aber auch Supervisionsgruppen. Er beschreibt Notfallspläne ebenso praxisnahe wie Teilearbeit oder Verträge und Selbstverpflichtungen.

Sehr brauchbar und langjährige erprobtes Fachbuch zum Thema.


 

Günter H. Seidler
Der Blick des Anderen
Eine Analyse der Scham
Stuttgart: Klett-Cotta 2012, 3. Aufl

 

Scham ist für sich genommen, weder eine Krankheit noch ein Symptom. So gibt es auch keine Therapie der Scham. Dennoch ist sie ein wichtiger diagnostischer Indikator für die Therapie.

Seidler beschreibt depressiven Schameffekt, Schamangst, Schamhaltung und andere Phänomene. Er betont jedoch, sich eher dem viel allgemeineren antropologischen und normalpsychologischen Ansatz als dem vorwiegend klinischen Ansatz zu verschreiben. Er gibt literarische Beispiele des Ödipus-Stoffs und des Alten Testaments, sowie Beispiele für Scham und Krankheitsbilder.

Sehr umfassend.


 

Saied Pirmoradi
Interkulturelle Familientherapie und -beratung
Eine systemische Perspektive
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012

 

Dieses Buch führt unter systemischen Blickwinkel theoretisch fundiert und praxisrelevant in die interkulturelle Familientherapie und – beratung ein. Pirmoradi zeigt eindrücklich, wie reichhaltig jeder kulturelle Hintergrund für seine Angehörigen sinnstiftende Deutungssysteme und erfahrungsnahe Handlungsschemata zur Verfügung stellt.

Pirmoradi skizziert die enorme Formenvielfalt von Migration. Als wichtigsten Unterschied hebt er den zwischen freiwillig-selbstbestimmter versus erzwungen-fremdbestimmter Migration heraus. Er bietet eine exeptionell konzeptionelle Basis für systemische Familientherapeuten in theoretischer Ausarbeitung, führt jedoch keine Tools für die Praxis an, sondern gibt Hinweise wie beispielsweise auf das Kulturgenogramm und seine Anwendungnsgebiete oder die Protokollierung einer ersten interkulturellen, familientherapeutischen Sitzung mit hilfreichen Fragen. Allein in Fallbeispielen lässt es sich erahnen, wie TherapeutInnen hier systemisch-konstruktiviistisch arbeiten können. Er betont, dass es ohne erkenntnistheoretische Grundlagen zu Irritationen in der therapeutischen Alltagspraxis kommen kann.

Das Buch ist in 3 Teile und 10 Kapitel gegliedert. Die Konzeption des Buches ermöglicht, jedes Kapitel als einen eigenständigen Teil zu lesen, der jedoch in Zusammenhang mit anderen Kapiteln stehlt. Die individualistischen und die relationalen Selbstkonzepte der KlientInnen bilden das theoretische Kernstück des Buches.

Das biopsychosoziokulturelle Paradigma der Systemikers, und eine kulturelle Empathie, wie Pirmoradi betont, sind Grundvoraussetzungen für ein therapeutisches Vorgehen. Kulturelles Wissen kann einerseits das Wirkungspotential und die Grenzen der therapeutischen Hilfsangebote bei Betroffenen zu erkennen verhelfen, andererseits mögliche kulturspezifische Ressourcen in den Therapieprozess integrieren.

Ein gut theoretisch fundiertes Grundlagenwerk für PsychotherapeutInnen.


 

Karl Heinz Brisch (Hrsg.)
Bindung und frühe Störungen der Entwicklung
Stuttgart: Klett-Cotta 2012

 

Frühe Störungen entstehen oftmals durch frühe traumatische Erfahrungen des Säuglings und Kleinkinds.

Uvnäs-Moberg erklärt die Funktion von Oxytocin in der frühen Entwicklung. Keren die Depression in der frühen Kindheit. Tortora schreibt über Trauma, Stress und postpartale Depression und die Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung. Ein Artikel beschäftigt sich mit der genetischen Vulnerabilität als Prädikatoren von Merkmalen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Immunologische und neuroendokrine Dysregulationen als Folge von Stresserfahrungen, ist eine weiterer in dieser Antologie.

Alle Beiträge geben einen umfassenden Überblick darüber, welchen negativen Einfluss frühe traumatische Erfahrungen auf die Entwicklung früher Störungen, die bis ins Erwachsenenalter reichen, haben können. Auf Basis unterschiedlicher Studien, werden modellhaft neue Wege der psychotherapeutischen Behandlung früher Störungen aufgezeigt.


 

Benigna Gerisch
Suizidalität
Gießen: Psychosozial Verlag 2012

 

In diesem Band wird ein Überblick über zentrale Erklärungsmodelle gegeben und den wesentlichen Behandlungstechniken anhand zahlreicher Fallbeispiele illustriert. Von der Begründung der Suizidologie im 19. Jhd über die familientherapeutische Konzeption der Suizidalität bis zur biologischen Disposition, der Motivforschung und den Schauplätzen und Varianten des Suizidalen spannt sich der Bogen.

Ein Kapitel zu Suizid, Geschlecht und Gender beschreibt die Genese des Symptoms, das nur unter Berücksichtigung des traditionellen Geschlechterarrangements, d.h. der soziokulturell geprägten Geschlechterkonstruktionen und der damit im Zusammenhang stehenden spezifischen Geschlechtersozialisation einschließlich der bei Männern und Frauen unterschiedlichen Genese der Geschlechtsidentität betrachtet und verstanden werden kann.

Gute Zusammenschau.


 

Jürgen Armbruster / Peter Petersen / Katharina Ratzke
Spiritualität und seelische Gesundheit
Köln: Psychiatrie Verlag 2012

 

Das Autorenteam beschreibt Spiritualität auch als eine Widerstandsressource zur positiven Gesundheitsentwicklung. Spiritualität als Ausdruck des Lebens und eines tiefen Bedürfnisses der Menschen wurde lange Zeit in der Sozialpsychiatrie vernachlässigt. Spiritualität ist auch eine der vielen Sprache der Seele.

Die Autoren stellen die Frage, wie kann man spirituelle Dimensionen im therapeutischen Alltag integrieren ohne in die esoterische Ecke gestellt zu werden. Die achtsamkeitsbasierten psychotherapeutischen Methoden boomen in den letzten Jahren.

Eine breite Zusammenschau des Themas und gute Anregungen für das eigene Weiterverfolgen.


 

Harold G. Koenig
Spiritualität in den Gesundheitsberufen
Ein praxisorientierter Leitfaden
Stuttgart: Kohlhammer 2012

 

Spiritual Care etabliert sich zunehmend als neuer Behandlungsansatz nachdem die spirituellen Bedürfnisse der PatientInnen in der wissenschaftlichen Medizin lange unberücksichtigt blieben.

Koenigs dargestellter Behandlungsansatz integriert im Sinne des biopsychosozialen Modells die spirituelle Dimensionen in der Patientenbehandlung. Er beschreibt in den Kapiteln Rolle und Verantwortlichkeiten der einzelnen Fachdisziplinen hinsichtlich Integration und Religiosität und Spiritualität in der Behandlung – präzise und praxisnahe.


 

Peer Arndt / Nathali Klingen
Psychosomatik und Psychotherapie
Stuttgart: Thieme 2011

 

Dieses kleine handliche Buch gibt einen sehr kompakten Praxisüberblick über den aktuellen State oft the art psychotherapeutischer Behandlung psychosomatischer Erscheinungsformen.

Hier wird Bewährtes neben neueren Erkenntnissen beschrieben und gibt praktizierenden PsychotherapeutInnen eine brauchbares Basiswissen. Dies alles sehr übersichtlich, v.a. in anschaulichen Tabellen transformiert, auch für den schnellen Blick im Alltag als Leitfaden. Schließlich sind noch verschiedene Arbeitsmaterialien für Diagnostik und Therapie eingefügt gesammelt und geordnet.

Prädikat: sehr wertvoll!! 


 

Peter Nemetschek
Milton Erickson lebt!
Eine persönliche Begegnung
Stuttgart: Klett-Cotta 2011

 

Peter Nemetschek hat Milton Erickson 1979 in Arizona bei einem Seminar persönlich kennenlernen dürfen. 30 Jahre nach dieser Begegnung findet der Autor die Zeit, die Fotos, Transkripte und Erfahrungen dieser Begegnung zu Papier zu bringen.

Nemetschek gibt uns einen Einblick in das Wirken des kreativen Psychotherapeuten, wie die Begegnung zustande kam, aufgrund eines eindrucksvollen Briefes, wie einfach und bescheiden Erickson lebte, und wie beeindruckend er in Seminaren die Erfahrungswelt der Teilnehmenden bereicherte.

Lesenswert!


 

Filip Caby / Andrea Caby
Die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste Teil 1
Tipps und Tricks für kleine und große Probleme vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter
Dortmund: Borgmann 2011, 2. Aufl.

 

Zurecht nennt sich dieses Buch Schatzkiste, da übersichtlich eine Sammlung lösungsorientierter Methoden darin zu finden sind.

Vom Externalisieren, Reframen, Beobachtungsaufgaben, Skalierungen und etlichen anderen Interventionen wie der Angst-lösende Faden, die Ampelkarten oder Urkunden finden sich für Profis wie Beginners eine brauchbare Zusammenstellung für den Alltag.


 

Bonnie Badenoch
Gehirn und Psyche
Interpersonelle Neurobiologie als Grundlage einer erfolgreichen therapeutischen Praxis
Freiburg: arbor 2010

 

Die interpersonelle Neurobiologie (IPNB) geht von der Perspektive eines Dreiecks des Wohlbefindens aus: Beziehungen, Psyche, Gehirn. Die Psyche benutzt das Gehirn, um sich selbst zu erzeugen. In Beziehungen vermitteln wir Energie und Information. Das Nervensystem unseres Körpers enthält Mechanismen, durch die Energie und Informationen fließen können. Dieser Fluss ist fundamental für die menschliche Erfahrung. Wenn die Psyche sowohl verkörpert als auch in Beziehung ist, sehen wir eine gesunde Psyche aus einem integrierten Zustand entstehen.

In diesem Buch werden die Grundprinzipien der IPNB dargelegt, um sie in der therapeutischen Arbeit anwenden zu können. Die IPNB fokussiert Synapto- und Neurogenese, die Bildung neuer synaptischer Verbindungen und das Wachstum neuer Neuronen. Badenochs Erfahrung nach, kann es für PatientInnen eine wertvolle Ressource sein, wenn sie mit der neuronalen Plastizität vertraut werden, d.h. dass ihr Gehirn eine dauernde Fähigkeit für Veränderung besitzt. Therapie ist eine neue Erfahrung und eignet sich somit als hervorragende Quelle einer Stimulation des Wachstums neuer Neronen.


 

Bob Bertolino / Michael Kiener / Ryan Patterson
Therapie-Tools
Lösungs- und ressourcenorientierte Therapie
Basel: Beltz 2010

 

In 7 Kapiteln gliedert sich dieses Buch zu unterschiedlichen Themenbereichen wir Veränderung, Wahrnehmung, Aktions- und Interaktionsmustern, Fortschritt, Emotionen etc. Dieses Buch eignet sich gerade für Starters im therapeutischen Bereich sich 97 Anregungen für den praktischen Alltag zu holen.


 

Franz Wellendorf/ Thomas Wesle (Hrsg.)
Über die (Un)Möglichkeit zu trauern
Stuttgart: Klett-Cotta 2009

 

Dieser Sammelband der Jahrestagung 2007 der deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) in Stuttgart beschäftigt sich mit der (Un)möglichkeit zu trauern.

Besonderes Augenmerk legen viele Autoren auf das Schicksal der Entwicklung der inneren Objekte, deren Qualität letztlich den Ausschlag dafür gibt, ob nach einem Verlust trauernde Verarbeitung möglich wird, oder der Weg in ein melancholisches Festhalten am verlorenen Objekt führt.

Die Beiträge sind gegliedert nach:

  •  theoretische Konzeption von Trauer und Melancholie
  • Trauerprozesse im Lebenszyklus
  • Gesellschaftliche Aspekte von Trauer
  • Darstellung in Kunst, Literatur und im Film

Alvarez Beitrag zur Trauer bei Kinder- und Jugendlichen ist sehr lesenswert.


 

Vera Hähnlein / Jürgen Rimpel
Systemische Psychosomatik
Ein integratives Lehrbuch
Stuttgart: Klett-Cotta 2008

 

Ein praxisorientiertes Nachschlagewerk für Anfänger wie Profis - bringt eine umfassende Darstellung der systemischen Krankheits- und Behandlungskonzepte in der Psychosomatik.

Die 5 Kategorien der Schmerzsyndrome von E.T. Egle (2003) gelten weit über den Bereich der Schmerzsyndrome hinaus und haben universelle Bedeutung im Feld psychosomatischer Erkrankungen und Syndrome. Die Psychosomatik als Schnittstelle vieler Professionialiäten spannt ein sehr weites Feld und diese unterschiedlichen Blickwinkel versucht dieses Buch einzufangen und findet im SWING-Modell ein integratives Behandlungskonzept.

Empfehlenswert für PraktikerInnen.